Leben in der Integration

Zuwanderung. – Das Wort, bei dem sich jeder AfDler panisch in seine schwarz-rot-goldene Kuscheldecke hüllt und „Obergrenze, Obergrenze“ murmelt. Zuwanderungsland. – Das, was wir schon seit den 50er Jahren sind. Zuwanderungsgeschichte. – Das, was die Schüler von Torsten Götte so besonders macht.

Das Quirinius-Gymnasium in Neuss, die Geschwister-Scholl-Hauptschule, diverse weite Schulen in und um Neuss – sie alle gehören zum Förderprojekt „Migrantenförderung im Rhein-Kreis Neuss“. Ein Projekt, was Schülerinnen und Schülern mit eben Zuwanderungsgeschichte den Einstieg in die für sie passende Schulform erleichtern soll. Torsten Götte ist am Quirinius-Gymnasium der Lehrer, der diese „Einsteigerklassen“ betreut und mit eben diesem Projekt Preisträger des Bernhard-Vogel-Bildungspreises.

Vor 18 Jahren wurde er vom damaligen Schulleiter mit den Worten begrüßt: „Ich hab zwei Mädchen aus Russland aufgenommen. Sie haben sehr gute Zeugnisse, können aber kein Deutsch. Sie haben doch im Ausland gearbeitet, Sie kümmern sich darum.“ Aus den zwei Mädchen aus Russland sind mittlerweile zwischen 15 und 18 Schülerinnen und Schüler pro Halbjahr geworden.

Das Projekt, so schlicht in seiner Ausführung, so prägend in seiner Wirkung: Jedes Halbjahr nimmt das Quirinius-Gymnasium Schüler mit Migrationshintergrund auf. Die, die kein Deutsch können, von überall herkommen, deren Eltern hierher versetzt wurden oder die fliehen mussten. Aus den USA, Ghana, Albanien, China, Syrien…Für sie heißt es dann: vier Stunden Unterricht täglich, einziges Fach: Deutsch. Grammatik, Wortschatz, Rechtschreibung. Mindestens ein halbes Jahr, bei Bedarf auch länger. Danach werden sie ihrem Alter entsprechend in reguläre Klassen versetzt, nehmen am regulären Unterricht teil.

„Die Schülerinnen und Schüler arbeiten dann meist in Kleingruppen, wo alle ungefähr den gleichen Lernstand haben“, erklärt Torsten Götte. „Natürlich wäre es schwierig, das alles allein zu koordinieren.“ Zur Hilfe hat Torsten Götte “Hilfslehrer”, die die Schüler unterstützen: nämlich die, die das Programm schon durchlaufen haben, also schon im regulären Unterricht sitzen. Sie kommen vorbei im fliegenden Wechsel in ihren Pausen, Freistunden, um den Neuen zu helfen.

Ana zum Beispiel. Ana ist 18 Jahre alt, aus Mazedonien, besucht die 11. Klasse. Ihre Facharbeit schreibt sie im Fach Deutsch, zu Goethes Faust – ein Meisterwerk, an dem schon unzählige deutsche Schüler gescheitert sind.

Aber Ana weiß um ihre Schwächen: „Mathe und Chemie, da bin ich gut drin. Deutsch ist immer noch ein Problem, deswegen die Facharbeit. Und das Abitur schreibe ich ja sowieso als Zentralabitur mit den anderen zusammen” – sagt sie und schnappt sich den erstbesten Gruppentisch, um die Hausaufgaben zu kontrollieren. Ana ist nur ein Beispiel, von denen es viele gibt, insgesamt sind es 206 Helfer. 111 davon sind momentan noch immer an der Schule, 88 haben ihr Abitur erfolgreich absolviert, 7 ihr Fachabitur.

Der Erfolg des Projektes ist erstaunlich. Die Schüler sprechen teilweise besser Deutsch als ihre Mitschüler., die Muttersprachler sind. „Neben dem Unterrichtsstoff sind die Kinder natürlich auch noch vor andere Herausforderungen gestellt: Umgangssprache, eine andere Kultur, Kinder aus anderen Ländern und Kulturen“, sagt Torsten Götte. Aber die Probleme der Erwachsenen, Konflikte zwischen Religionen oder Minderheiten, die bleiben draußen. „Die Kinder sind hier als Kinder. Wir haben dieselben Probleme mit ihnen wie unter Schülern an jeder anderen Schule auch.“

Ulrich Dauben ist seit Mai 2012 Schulleiter, seit 1995 Lehrer am Quirinius-Gymnasium. Sein Vorgänger, Dr. Hamacher, rief mit Aufnahme der zwei russischen Mädchen das Projekt ins Leben. „Ich habe damals natürlich was davon mitbekommen, aber niemand hat damit gerechnet, dass sich das so entwickeln, dass es sich verselbstständigen würde.“ Seit er Schulleiter sei, sei er zwar mehr involviert und natürlich sei das mehr Arbeit, aber er investiere seine Zeit gern.

So klein und exotisch das aber auch ist, Politik lässt sich nie ganz vertreiben. „Politik spielt immer auch rein“, sagt Torsten Götte, „wir hatten mal einen Schüler, der zurückgeschickt wurde, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Das trifft einen natürlich schon.“

Auch die aktuelle Flüchtlingsdebatte ist immer mal wieder Thema. Laut Schulleiter Dauben wird es früher oder später dazu kommen, dass das Quirinius-Gymnasium wesentlich mehr Schüler, vielleicht auch ohne gymnasiale Qualifikation oder einen Beweis einer solchen, aufnehmen wird. „Es gibt so viele Kinder, die einen Schulplatz brauchen und auch kriegen sollten.“ Niemand weiß allerdings genau, wann, in welchem Umfang und wie genau das passieren wird.

Bis dahin wird das Projekt „Migrantenförderung im Rhein-Kreis Neuss“ weiterlaufen wie bisher. Seit Beginn des neuen Schuljahrs vor ein paar Wochen sitzen wieder einige neue und einige alte Gesichter in Torsten Göttes ganz besonderer Klasse. Kinder, die jetzt vielleicht noch kein Wort Deutsch sprechen, werden in ein paar weiteren Wochen mit kleineren Fehlern ihren Freunden von ihrem Wochenende oder einen Witz erzählen. Oder Geschichten aus ihrer Heimat.

Sie werden mit Tag etwas dazulernen und an den älteren Schülern sehen, was möglich ist. Egal, woher sie kommen, welche Werte und Vorstellungen sie mitbringen, welche persönliche Geschichte – welche Zuwanderungsgeschichte – sie haben: Das Projekt ist rührend es ist Nächstenliebe und Integration. Vor allem aber ist es, Kindern die Chance auf das Werkzeug zu geben, mit dem sie ihre Zukunft selbst bauen können.

Text verfasst von Ann-Kathrin Seidel