Rohdiamanten sind TRUMPF

Verantwortung, Teamwork, Pünktlichkeit. Nicht alle Schüler können mit diesen Tugenden etwas anfangen. Damit das nicht so bleibt, gibt es das Sozialprojekt „Lernen 360°“ der Firma TRUMPF aus Ditzingen bei Stuttgart.

Gerrit Velten sucht Rohdiamanten. Nicht in feuchten Bergwerken, sondern unter den Teilnehmern des Projekts „Lernen 360°“ der Firma TRUMPF in Ditzingen bei Stuttgart. Velten ist Industriemeister für Metallverarbeitung und Ausbildungsleiter. Einmal pro Woche schaut er jedoch nicht seinen Azubis, sondern Schülern der Theodor-Heuglin-Hauptschule auf die Finger. Die tauschen im Rahmen des sozialen Projekts für ein Jahr jeden Montag ihr Klassenzimmer mit der Lehrwerkstatt von TRUMPF. Dort lernen sie aber nicht nur, wie man richtig mit Metall arbeitet. Sondern wie man Perspektiven für sein Leben entwickelt.

TRUMPF ist ein Paradebeispiel für die besondere Art Firma, die man in Württemberg häufig antrifft: ein Familienunternehmen mit Weltmarktführer-Status. 9000 Mitarbeiter stellen auf vier Kontinenten Werkzeugmaschinen und Lasersysteme nach besten schwäbischen Grundsätzen her: hohe Qualität, Leistung und Präzision. Das brachte im vorigen Jahr über 2 Milliarden Euro Umsatz. Daneben ist bei TRUMPF aber noch etwas anderes gewaltig. „Unser Unternehmen trägt eine große gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Tim Veith. Der 33-jährige ist Mitarbeiter in der Abteilung „Gesellschaftliche Verantwortung“ und betreut „Lernen 360°“.

Das Konzept ist simpel: Seit 2008 besuchen Schüler der Hauptschule Ditzingen jeweils während der achten Klasse einmal pro Woche die Lehrwerkstatt. Oft stammen sie aus schwierigen Verhältnissen und haben Probleme in der Schule. Bei TRUMPF werden sie von Gerrit Velten und seinen Azubis betreut und verwirklichen ein gemeinsames Projekt. Dieses Jahr einen Tischkicker.

Stolz präsentiert Velten die bereits fertigen Griffstangen aus Aluminium und sagt: „Gemeinsam etwas herzustellen ist eine richtig gute Erfahrung für die Schüler. Aber darin liegt eigentlich nicht unser Hauptanliegen.“

Deshalb trägt das Projekt die „360°“ im Namen. Die Schüler entdecken neue Stärken an sich, lernen selbstständiges Arbeiten und wie man sich in einer Firma richtig verhält. Qualitäten, die sie in Schule und Beruf gut brauchen können. „Es sind immer welche darunter, die mit tief hängender Hose und Basecap zur Arbeit kommen und dich mit „Yo, Alter“ begrüßen. Aber die merken immer schnell, dass das im Betrieb nicht geht“, erklärt Velten. Diesen Vorgang nennt er „betriebliche Sozialisierung“ und gibt ein Beispiel: Als ein Schüler beim gratis Mittagessen sein Tablett mit zwei Hauptspeisen und drei Desserts belädt, lässt ihn Velten nicht aufstehen, bis er aufgegessen hat. „Er war zwar danach etwas bleich, hatte seine Lektion aber gelernt“, schmunzelt der 47-jährige.

Neben Tischmanieren lernen die Schüler auch sich selbst kennen. Bei TRUMPF werden die Karten neu gemischt. Wer im Klassenzimmer im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, muss in der Lehrwerkstatt nicht das Sagen haben. Denn hier geht es nicht um die besten Sprüche, sondern um technisches Geschick.

Und das findet Velten bei seinen „Rohdiamanten“ immer wieder. „Die Qualität ist da. Wenn man den Schülern Chancen gibt, sich zu beweisen, dann tun sie es.“ Damit hat „Lernen 360°“ Effekte in alle Richtungen. Die Schüler finden Selbstvertrauen. Die betreuenden Azubis lernen, für jemanden Verantwortung zu übernehmen. Und die Eltern sehen, dass schlechte Noten wenig Aussagekraft über die Fähigkeiten ihrer Kinder haben. Und auch für TRUMPF springt etwas heraus. Potentielle Fachkräfte. Denn die braucht das Unternehmen dringend. „Wir können dabei auf kein Talent verzichten. Egal, auf welche Schule es geht“, erklärt Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller.

Bisher haben 70 Schüler bei „Lernen 360°“ mitgemacht. Alle haben später einen Ausbildungsplatz gefunden, oder besuchen eine weiterführende Schule. Drei sind bei TRUMPF gelandet. Darunter ist ein jetziger Auszubildender, dessen Noten im Normalfall nicht für eine Ausbildung gereicht hätten. Bei seiner Zwischenprüfung erreichte er 98 von 100 Punkten. Ohne „Lernen 360°“ und die Arbeit von Gerrit Velten, Tim Veith und vielen anderen wäre das nicht möglich gewesen.

Text verfasst von Leon Hanser